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Dominic M. Skowronek
Adbusting

Deine Werbung, meine Werbung

Adbusting ist eine Kunstform, die Werbung abÀndert oder satirisch neu erfindet. HÀufig, aber nicht immer, mit politschem Hintergrund. Ich will sie entkriminalisieren.

23.11.2020

Adbusting ist eine Kunstform. Dabei wird Werbung umgestaltet, erweitert oder satirisch neuerfunden. Neben freien KĂŒnstler:innen und eigennĂŒtzigen Marketers findet Adbusting in vielen bekannten FĂ€llen bei kapitalismus- und gesellschaftskritischen Aktivisten Anwendung. Sie nutzen diese Methode, um ihre Meinung und Negativargumente gegen Unternehmen, Parteien oder die Regierung in die Öffentlichkeit zu tragen. Damit kommen wir zum Hauptproblem. Die Werbungskunst wird vom Staat vermehrt als "gewaltbereiter Linksextremismus" eingestuft. Deshalb stellt nicht nur die Polizei den Aktivisten nach, sondern auch das "Gemeinsame Extremismus- und Terrorabwehrzentrum", kurz GETZ. Antiterror wegen ein paar Plakaten, bitte was? Ein besonderes Dorn im Auge ist hierbei die Bezeichnung "gewaltbereit": Die Menschen, die Aufkleber fĂŒr ihre politische Meinung auf Plakaten anbringen, stehen im Auge des Staates auf der gleichen Stufe mit potenziellen TĂ€tern, die der Exekutive morgen den Kopf mit einem MaulschlĂŒssel zertrĂŒmmern.

Stammt die Peniszeichnung von einem Kindskopf oder einem Staatsfeind?

Doch neben den Linken, die dieses Mishandling durch Behörden ĂŒber sich ergehen lassen mĂŒssen, gibt es die anfangs erwĂ€hnten Kreativen, die zum Teil sehr Ă€hnliche Taten begehen. Zittern mĂŒssen die Marketers, die frĂŒher gern mal mit Augenzwinkern ein Plakat der Konkurrenz zu ihrem eigenen Gunsten umgestaltet oder eine kleine Kampagne unter falschem Namen erstellt haben. Selbst fĂŒr Student:innen kann es unangenehm werden, wenn im Suff ein Penis auf ein Wahlplakat gekritzelt wurde. Auch wenn diese Aktionen nicht politsch gemeint sind, gibt es das Potenzial, dass der Staat diese missversteht und als solche einordnet. Werden in Zukunft Marketing-Guerilleros, KĂŒnstler:innen und Unfugtreiber:innen auch im Namen der Sicherheit besser durchleuchtet, ĂŒberwacht und bestraft? Die HĂŒrde zum VerdĂ€chtigenstatus beim Inlandsgeheimdienst scheint zurzeit erstaunlich niedrig. Diese VerschĂ€rfung fĂŒhrt zu allerlei Verunsicherung. Zahlreiche Kritiker:innen wollen verhindern, dass der Staat in Zukunft weiterhin auf einzelne, nicht-gewalttĂ€tige Aktionen maßlos ĂŒberreagiert und damit eine Kunstform ruiniert. Ich fordere, dass die Taten, die fĂŒr und im Rahmen eines Adbusting nötig sind, grundsĂ€tzlich nicht mehr mit der bisherigen HĂ€rte von Behörden verfolgt werden, denn...

Werbematerial ist ein Wegwerfprodukt

Jede Kampagne hat ein Ablaufdatum noch bevor sie ĂŒberhaupt entsteht. Zahllose Plakate, Flyer und vegetarische GummibĂ€rchen in Corporate-Design-Farben laufen in Höchstgeschwindigkeiten vom Band, nur um noch schneller in einem MĂŒlleimer oder an einer abblĂ€tternden LitfaßsĂ€ule zu verenden. Verstehe mich nicht falsch: Werbung kann super sein. Unterhaltend, humorvoll, informationsbringend und manchmal sogar kulturell prĂ€gend. Doch egal wie "geil" eine Werbekampagne ist, irgendwann ist die Lebzeit des Werbematerials vorbei, der Slogan abgelegt und der Zeitgeist weitergezogen. Ein einzelnes Plakat ist nicht viel mehr als ein Wegwerfprodukt und deshalb ist die SachbeschĂ€digung in meinen Augen nichtig.

Gesehen in Berlin đŸ“· Bekky Bekks

Das Plakat wird ĂŒberklebt, weggeschmissen, abfallen oder sich zersetzen, es ist nur eine Frage der Zeit. Wenn wir also ein Plakat kurzzeitig in eine Leinwand fĂŒr Ideen verwandeln können, dann machen wir aus einer traurigen Manifestation der Obsoleszenz ein Zeichen fĂŒr die offene Kultur und unsere Meinungsfreiheit — die BeschĂ€digung des einzelnen Gegenstands, in diesem Fall ein einzelnes Plakat in Hunderten, ist durch den kulturellen Zugewinn in meinen Augen zu vernachlĂ€ssigen.

Addition ist ein Plus

Satirische Kampagnen, die sich in der Gestaltung herzlich an einer bekannten Werbekampagne und/oder dem Corporate Design bedienen, sehe ich auch nicht zu eng. Die Gegenkampagne ist durch ihre kritische und ĂŒberspitzte Aussage gut als eine solche zu erkennen. Trotzdem wird durch die Imitation der Kontext schnell klar und bietet fĂŒr Kritiker eine Plattform auf Augenhöhe. Verleumdung muss hier stattfinden, denn Werbebotschaften sind immer ĂŒberspitzt und emotionsgebunden, das ist nur fair. Am Ende steht Aussage gegen Aussage, somit kann der Betrachter sich selbst ein Bild formen — im Bestfall durch mehrere Quellen. Außerdem wird der Werbetreibende durch eine Gegenkampagne nicht mundtot. Ganz im Gegenteil...

Der Vorteil fĂŒr Werbetreibende

Das getroffene Unternehmen oder die kritisierte Partei muss kein Opfer sein, denn diese Guerilla-Aktionen bedeuten nicht zwangslĂ€ufig einen Nachteil fĂŒr den Werbetreibenden. Die Umgestaltung von Werbemitteln oder das Auftauchen von Gegenkampagnen macht aus dem monotonen Kommunikationsprodukt (Werbung) einen öffentlichen Dialog. Durch öffentliches Engagement gewinnt die Kampagne in vielen FĂ€llen an Diskurs, Reichweite, die Möglichkeit auf eine Antwort und hĂ€ufig sogar Zuspruch fĂŒr die kritisierte Originalbotschaft — alles, was gute Marketers nutzen können.

Deshalb ein Tipp an die Unternehmen und Parteien, die 'geadbustet' wurden: Greift nicht zuerst zur UnterdrĂŒckung, wenn sich jemand einen Witz erlaubt oder eine Meinung Ă€ußert. Ihr könnt stĂ€rker aus der Sache rausgehen, wenn die Situation nicht mit der juristischen Axt, sondern mit einer kreativen, menschlichen Reaktion gelöst wird. Stellt etwas richtig, wenn es falsch ist, verbessert das, was gefordert wird und sichert eurer Marke damit Respekt und einen Platz im Rampenlicht. Das ist eine Chance auf ein Win-Win.

Ein Kompromiss

Zugegeben, nun können wir Adbusting nicht komplett entkriminalisieren, alle öffentlichen WerbeflĂ€chen zum Abschuss freigeben und Markenlogos den Schutz nehmen. Es wird immer FĂ€lle geben, die auf böser Absicht beruhen oder sogar gefĂ€hrlich fĂŒr Leib, Leben, Sicherheit und Demokratie sein können. Stattdessen können wir aber einen rechtlichen Rahmen sowie klare Regeln fĂŒr das Adbusting schaffen, die der Kunst und der Kultur eher Freiheit statt Angst geben. Und wenn es in RandfĂ€llen doch zu einer Anzeige kommen muss, dann stehen wir in der Pflicht unserem Rechtsstaat weiterhin genau auf die Finger zu schauen. FĂ€lle dĂŒrfen nur dann an gesonderte Behörden weitergeleitet werden, wenn es dafĂŒr einen handfesten Grund gibt. Mit solchen Lappalien schwĂ€chen wir uns nur selbst im Widerstand gegen den echten, gewaltbereiten Terror und machen wĂ€hrenddessen unsere freie Kultur kaputt.

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Persönlich, rĂŒcksichtslos und definitv nicht meinungsfrei: Hier schreibe ich ĂŒber die kuriose Reise zwischen Internet, Kultur und der kreativen Arbeit.