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Dominic Skowronek

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Zwischen Backstein, Bier und Marketing: mit Kolle Rebbe zum OMR

Kolle Rebbe lĂ€dt anlĂ€sslich des OMR Festivals in Hamburg zum Übernachten in der Juniorsuite. Und ich war dabei.

Der Regen prasselt in den Schluchten der Speicherstadt. Im Flugzeug ertranken die Tropfen noch im LĂ€rm der Turbinen, doch nun drĂ€ngt die nasse KĂ€lte durch meine Jacke und lĂ€sst mich das Wetter nicht vergessen. ÜberpĂŒnktlich sitze ich in der Hafencity in einem CafĂ© und warte auf den Termin. Selbst der Anblick des leicht bebenden Wassers im Kanal kann mein GefĂŒhl der Ungewissheit nicht lindern. Es sind nur noch drei Stunden.


Ein Monat vorher

“Kolle Rebbe bietet zur OMR GĂ€stebetten fĂŒr Junioren”, schrieb Maximilian Flaig von w&v am 1. April, “Das heißt, Agentur-Mitarbeiter stellen im Rahmen eines wichtigen Branchenevents ihre GĂ€stebetten als kostenlose ‘Juniorsuiten’ fĂŒr den Kommunikationsnachwuchs zur VerfĂŒgung”. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mir so eine Gelegenheit nie entgehen lasse. Nur wenige Minuten spĂ€ter saß ich vor der Kamera: “Hallo Leo!”, begrĂŒĂŸte ich darin Leonie, eine der vorgestellten Gastgeberinnen, von Kolle Rebbe. Bei ihr wollte ich wohnen, also musste ich mich direkt bei ihr bewerben. ZusĂ€tzlich zum Video hĂ€ngte ich ein improvisiertes Portfolio an und schickte alles auf den Weg.

Nach einer knappen Woche der quĂ€lenden Warterei ĂŒbersah ich die E-Mail von Sarah aus der Personalabteilung doch glatt. “Du bist dabei!”, las sich die Betreffzeile. Doch beim zweiten Hinschauen verstand ich endlich, um was es geht: Das Grinsen wuchs. Nichts mag ich mehr, als mein Fuß in einer TĂŒre.

In der Dienerreihe

Da stehe ich nun. Immer noch pitschnass in der Speicherstadt. Die Kaffeerösterei hat mir wieder etwas KörperwĂ€rme eingehaucht, dennoch lĂ€uft das Wasser nur so aus meinen Haaren. Wie ein Detektiv (wohl eher nasser Sack Kartoffeln) lehne ich mich ans Deutsche Zollmuseum und mustere die andere Straßenseite. Dank Denkmalschutz sieht jeder Speicher auch heute noch gleich aus. Doch einzig das GebĂ€ude gegenĂŒber trĂ€gt die großen, goldenen Buchstaben ‘KOLLE REBBE’. Es ist fĂŒnfzehn vor vier. Ich warte darauf andere Junioren zu erkennen, denn ich will nicht allein als Erster und vor allem nicht viel zu frĂŒh im Foyer herumsitzen. Kaum gedacht, schon passiert. Ein sportlicher Typ mit Koffer schwingt um die Ecke und fotografiert auffĂ€llig touristisch das Klingelschild. Bingo. Bei der Verfolgung erhasche ich auch einen Blick auf besagtes Schild, auf welchem Kolle Rebbe bei nahezu jedem Stockwerk gelistet wird. Angeber. An der Bezeichnung des vierten Stockwerks hĂ€ngt der Zusatz ‘Empfang’. Mit diesem Ziel beginne ich den Aufstieg im Treppenhaus, denn den einzigen Aufzug habe ich trotz eiliger Verfolgungsjagd verpasst.

Eighty percent of success is showing up …oder so Ă€hnlich.
— Woody Allen

Die graue Karte fungiert als UmhĂ€ngeschild, dass mich mit Großbuchstaben als ‘GAST’ outet. Der Empfang ĂŒberreicht mir das Accessoire mit breitem LĂ€cheln und weist mich dann zum Wartesofa. Dort stoße ich auch wieder auf den zuvor verfolgten Junior—namentlich Sebastian—, dessen HĂ€ndedruck sogar die Festigkeit des Sofas ĂŒberbietet. Kaum gesetzt sprudeln noch mehr Junioren ein bis wir den Eingangsflur zu neunt komplett verstopfen. Die Lösung kommt mit Joss, dem Organisator hinter der Aktion, sowie Thomas, das Urgestein aus der PR, die uns durch ein Labyrinth aus verglasten ArbeitsrĂ€umen zu einem Konferenzraum fĂŒhren. Jeder Platz bietet Geschenke, allerlei Quengelware sowie das gesamte Sortiment des nĂ€chsten GetrĂ€nkemarktes bereit. Spoiler: Bevor die Cola auf dem Tisch ĂŒberhaupt angefasst wird gehen die Bierflaschen rum. Es soll ja niemand vergessen, dass wir in einer Werbeagentur sind!

© Kolle Rebbe auf GIPHY

Einfach mal mit Fremden ins Bett

Zu uns gesellen sich nach und nach die Gastgeber. Unter ihnen ist auch Leonie, die trotz eines langen Arbeitstages mit einem Strahlen den Raum betritt. BegrĂŒĂŸt werde ich mit offenen Armen, so als kennen wir uns schon seit Langem. Bei ihr werde ich drei NĂ€chte schlafen. Es fĂŒhlt sich schon an wie zu Hause, obwohl ich noch nicht mal Zeit hatte, mit allen zu reden. Und das Reden muss auch bis zu Tische warten, denn nach einem Blick auf die Uhr ziehen wir um: zu Otto’s Burger in die Schanze. Beim Teilen von Veggi-Burger, Coleslaw und SĂŒĂŸkartoffelpommes lernt man sich ja auch besser kennen. Nach und nach erfahre ich auch die genauen Positionen und Aufgaben der einzelnen KR-Mitarbeiter. UnabhĂ€ngig, ob Junior oder 20-jĂ€hrige Arbeitserfahrung, beim Dippen in die TrĂŒffelmayo hat jeder etwas zu erzĂ€hlen. Vor lauter Fragen vergesse ich beinahe meine Beilage.

So schnell, wie wir zusammengefunden haben, mĂŒssen wir uns aber auch wieder trennen. Am nĂ€chsten Morgen geht nĂ€mlich das eigentliche Programm mit Vollgas los, deswegen sollten wir noch etwas Schlaf abbekommen. Außerdem bin ich gespannt auf die Schlafsituation, denn neben Leonie und mir begleitet uns auch Leon, dessen eigentlicher Gastgeber sich wenige Tage vorher den Fuß gebrochen hatte. Das heißt, wir sind schon zu zweit zu Gast in einer Sechser-WG. “Du wolltest Leute kennenlernen? Ja, wenn dann richtig!”, denke ich mir.

Nach S-Bahn und kurzer Wanderung erreichen wir endlich Leo’s Lodge. Schlafen darf ich einfacherweise in ihrem Bett. FĂŒr Leon findet sich auch ein Platz, er erweitert die LiegeflĂ€che am Bettende mit einer Luma. FĂŒr die erste Nacht entkommt Leonie noch in das leere Bett ihrer Mitbewohnerin, doch die nĂ€chsten Tage wird sie sich auch unserer kuscheligen Schlafkommune anschließen. So schnell so körperlich werden wohl die wenigsten Branchen.

Auf Grund und Böden

“Hier sitzt der Lufthansa-Boden”, verkĂŒndet Thomas auf der AgenturfĂŒhrung am nĂ€chsten Morgen. Doch was haben Flugzeuge auf dem Boden verloren? Ganz einfach: Kolle Rebbe ist aufgeteilt in ‘Böden’ und setzt damit die Geschichte des Speichers fort, der schon seit seinem Bau so unterteilt wurde.

Innerlich ist das GebĂ€ude so, wie ich es mir grob vorgestellt hatte: Glas mit schwarzen Rahmen, mal Holz-, mal Teppichboden, weiße WĂ€nde. Alles sehr aufgerĂ€umt und ordentlich, ganz nach dem Corporate Design, dass auch sehr viel auf Schwarz, Grau und Weiß setzt. So wenige Farben wirken fast leblos — wĂ€ren da nicht die Menschen: Trotz Gast-Lanyard und stressigem Wochentag begrĂŒĂŸt mich jeder Mitarbeiter. Sogar am Pissoir ernte ich in Hamburger-Manier ein nettes “Moin!”. Zu sehen bekommen wir auch den wunderschönen Ausblick aus dem sechsten Stock sowie die KOREFE, das Designerstudio im unteren Teil des GebĂ€udes.

“Was Ă€ndert sich jetzt durch die Übernahme durch Accenture Interactive?”

Ein Buffet (das Essen, nicht der Investor) erwartet uns dann schließlich im Konfi, begleitet von drei PrĂ€sentationen von Kolle Rebbe. Der erste Vortrag gewĂ€hrt uns ganz klassisch einen Überblick ĂŒber die Ausrichtung, Arbeiten und Zukunft der Agentur. Aus unseren RĂ€ngen kommen natĂŒrlich als erstes Fragen zur Übernahme durch Accenture Interactive, die erst kurze Zeit vor diesem Besuch ĂŒber die BĂŒhne ging. “Kaum etwas Ă€ndert sich, höchstens in der IT und Finanz”, beanworten alle befragten Mitarbeiter, mehr oder weniger, im Einklang. Trotz kritischem Blick erkenne ich weder Schweiß noch Sorgenfalten im Ant­litz der Um­struk­tu­rie­rung. ‘Vielleicht ist es dafĂŒr auch noch zu frĂŒh’, denke ich fĂŒr einen kurzen Augenblick, dann beschĂ€ftige ich mich wieder mit der Frage, warum hier so viele Mitarbeiter Thomas heißen.

Nach einer weiteren PrĂ€sentation, die uns die wichtigsten VortrĂ€ge und Persönlichkeiten auf dem OMR nĂ€herbringt, bekommen wir noch einen Einblick in das Mega-Buzzword-Thema “China”. Zwei junge Mitarbeiter berichten von ihrer Austauschzeit in einer chinesischen Agentur und dem Leben drumherum. Je tiefer sie in die Materie eintauchen, desto mehr schĂ€tze ich die Freiheiten meines Heimatlandes. Gleichzeitig spĂŒre schon den stechenden Blick der Duolingo-Eule, wenn ich wieder die Lernerinnerung fĂŒr meinen Mandarin-Kurs wegdrĂŒcke.

Der Zirkus des Herrn Westermeyer

Im Anschluss zu den PrĂ€sentationen flitzen wir dann endlich zum OMR Festival, eine der weltweit grĂ¶ĂŸten Veranstaltungen fĂŒr digitales Marketing und Technologie — oder wie ich es nenne: Der Zirkus des Herrn Philipp Westermeyer! Und nein, “Zirkus” ist hier nicht als ein Negativ zu werten, im Gegenteil: Klar hĂŒpfen hier viele Clowns zur Selbstdarstellung herum, gleichzeitig ist das OMR Festival aber auch eine unterhaltsame, bunte Show. Marketing wird hier nicht nur groß, sondern zum Teil in AnfĂŒhrungszeichen geschrieben: Die “Networking”-Bereiche verwandeln sich gern mal in alkoholbeschleunigte EDM- und Deutschrap-Clubs. Danke an dieser Stelle fĂŒr die All-inclusive-BĂ€ndchen, die wohl eher All-You-Can-Drink-BĂ€ndchen heißen sollten.

Philipp Westermeyer, der Daddy vom OMR © Podstars auf GIPHY

Kaum betreten wir die Hallen, ist die ReizĂŒberflutung perfekt: Das Programm hat mehr Events als die Reeperbahn Schnapsleichen. Einige von uns haben bereits zu Beginn ihre ‘Masterclasses’, welche anmeldepflichtige Vorlesungen in einem separaten MessegebĂ€ude sind. Andere haben Hunger und Durst und stĂŒrzen sich auf die VerpflegungsstĂ€nde in den öffentlichen Hallen. Ich trotte wĂ€hrenddessen einfach der grĂ¶ĂŸten Truppe hinterher und mache mir ein erstes Bild.

Der erste Messetag ist noch der “Ruhigere”. Die berĂŒhmte Conference-Stage mit den grĂ¶ĂŸten Speakern macht am zweiten Tag auf und meine zwei Masterclasses finden auch erst dann statt. Trotzdem gibt es viel zu sehen! Nach einer kleinen StĂ€rkung (gedĂŒnstete Pilze mit dem trockensten Brötchen der Weltgeschichte) verliere ich den letzten der Truppe, Moritz, und erkunde Solo. In der Expo reihen sich Softwareanbieter an Softwareanbieter, jeder mit einer besseren Spyware — Entschuldigung, “Analytics” — sowie der neue e-Tron und ein paar Bodypaint-Models. Interessanter sind da schon die BĂŒhnen. Dort treten eng getaktet Speaker aus allen Himmelsrichtungen auf. Mal quatschen Paul Ripke und Joko Winterscheid, mal erklĂ€rt uns ein Sprecher einer amerikanischen Megacorp, wie sie die Weltherrschaft mit unseren Daten ĂŒbernehmen wollen. Mit meinem goldenen BĂ€ndchen besorge ich mir mein zweites Bierchen, ein paar KĂ€senudeln und höre so lange neugierig zu, bis am Abend Dendemann und Trettmann ein bisschen Festivalstimmung in die Halle pusten. Dennoch ist heute eher Schluss — ich bevorzuge zum Feierabend eine gemĂŒtliche Bar mit Leo und ihrer Kollegin abseits der Messe.

Nichts unterstreicht dĂŒstere Zukunftsprognosen von Yuval Noah Harari besser als halb nackte Frauen und Hardcorebeats von Scooter.

Der zweite Tag der Messe bricht an und unsere Truppe zieht es schon in frĂŒher Stunde zur Conference. Hier spricht als allererstes Philipp Westermeyer, der erfolgreiche Erfinder des OMR, ĂŒber “den Stand des deutschen Internets” und promotet nebenher zufĂ€llig sein neues Magazin. Mein Highlight am Vormittag ist Yuval Noah Harari, der als einer der wenigen ĂŒber die Schattenseiten der Branche spricht und augenöffnende Zukunftsprognosen in den Raum stellt. Bozoma Saint John verpasse ich leider, denn ich muss am Mittag zu meinen Masterclasses. “Die Vertrauenskrise im Zeitalter von Google, Amazon & Facebook”, titelt sich die erste Vorlesung, die aber eher einer Diskussionsrunde gleicht. Die Moderatoren versuchen verzweifelt mit dem Publikum einen Dialog zu fĂŒhren, doch so wirklich was zu erzĂ€hlen hat keiner (inklusive Moderator). Netter Versuch, dafĂŒr habe ich durch das vorgezogene Ende eine halbe Stunde extra im Zeitplan. Den Auftritt von Scooter habe ich trotzdem verpasst — ob das gut oder schlecht ist, liegt im Ohr des Zuhörers. Nach dem Mittagssnack lautet das Vortragsthema “Warum Daten ohne Empathie nahezu wertlos sind”. Diesmal wird tatsĂ€chlich tiefer auf das Thema eingegangen, auch wenn ich am Ende leider nicht wirklich etwas Neues gelernt habe. Ein wenig sehne ich mich nach den gestrigen PrĂ€sentationen in der Speicherstadt und bereue es ganz leicht, nicht einfach an den großen BĂŒhnen geblieben zu sein. Merke: Masterclasses nur kaufen, wer sich ist, wer dahinter steckt.

Wenn der Kopf nach dem zwanzigsten Speaker langsam ĂŒberlĂ€uft, wird es endlich Zeit fĂŒr die große Party in Halle B6. Dort steigern die Hamburger Goldkehlchen erst die Luftfeuchtigkeit und werden dann vom Secret Act abgelöst, welcher sich als Marteria & Casper entpuppt. FĂŒr die Musicacts gibt’s von versammelter Mannschaft beide Daumen hoch — oder auch gleich beide Arme, wenn Marteria zum siebten Mal “HĂ€nde hoch!” brĂŒllt.

Das letzte Abendmahl, aber morgens

So schnell es losging, so schnell ist es wieder vorbei. Der Donnerstag markiert den letzten Marsch von Leo, Leon und mir zu Kolle Rebbe. Heute gibt es das AbschiedsfrĂŒhstĂŒck im geziegelten Speicher. Die Junioren lassen die letzten Tage Revue passieren: Einigkeit ĂŒber die tolle Zeit bei Kolle Rebbe, Kritik zum OMR und die wichtigsten Erkenntnisse aus den Masterclasses werden ausgetauscht. Nach dem Fruchtsalat haben wir auch die Chance mit der Personalabteilung persönlich zu werden, sollten wir Karriere bei Kolle machen wollen.

Kolle Rebbe hat sein Ziel erreicht: der goldene Schriftzug ist zwischen ein paar GlĂŒckshormonen fest in meinem Kopf verankert. Beim Auszug wusste ich noch nicht, das der Spaß noch nicht vorbei sein sollte. Doch das sind Geschichten fĂŒr ein anderes Mal.

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Über den Blog

Persönlich, rĂŒcksichtslos und definitv nicht meinungsfrei: Hier schreibe ich ĂŒber die kuriose Reise zwischen Internet, Kultur und der kreativen Arbeit. Mit “ich” meine ich ĂŒbrigens Dominic Skowronek.

Diese Reportage erschien ursprĂŒnglich auf Medium. Dieser Text ist meine unabhĂ€ngige, persönliche Meinung und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der genannten Unternehmen wieder. Ich habe fĂŒr diesen Text keine Gegenleistung erhalten.

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